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Lviv1991

1946 wurde die Griechisch-Katholische Kirche in der Ukraine von den Kommunisten zwangsweise aufgelöst. Immer wieder rief Pater Werenfried in den folgenden Jahrzehnten die Christen im Westen dazu auf, für diese gemarterte Kirche zu beten und ihr zu helfen. 1990 kamen ihre Priester, Ordensschwestern und Laien aus den Katakomben hervor, und al 30. März 1991 kehre ihr geistliches Oberhaupt, Kardinal Lubachivskyj , aus dem Exil in die Heimat zurück. Pater Werenfried begleitete ihn und versprach vor Hunderttausenden Gläubigen, dabei zu helfen, das kirchliche Leben wieder aufzubauen

Pater Werenfried schreibt über diese Reise:

Es war der erste Direktflug von Rom nach Lemberg (Lviv) in der Luftfahrtgeschichte. Nach zweieinhalb Stunden landete die Aeroflot Chartermaschine auf dem Flughafen der westukrainischen Hauptstadt.

Wir sind eine bunte Gesellschaft von mehr als hundert Pilgern: ukrainische Bischöfe, Priester, Ordensschwestern und Laien aus Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland und vielen europäischen Ländern. Aber auch Dutzende Journalisten, Fernsehreporter und 23 unserer Mitarbeiter begleiten Kardinal Lubachivsky, der nach 50jähriger Verbannung in die Heimat zurückkehrt.

Es ist der 30. März 1991, 45 Jahre, nachdem Stalin und Patriarch Alexej von Moskau der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche den Todesstoß versetzten. Zehn Bischöfe, Hunderte Priester und Zehntausende Gläubige haben die Treue zu Rom mit ihrem Blut besiegelt. Durch ein Wunder hat Kardinal Slipyj 18 Jahre Zwangsarbeit überlebt. 1963 wurde er freigelassen und nach Rom verbannt.

An ihn muss ich während des ganzen Fluges denken. Einundzwanzig Jahre lang bin ich sein Mitstreiter und Freund gewesen. Unsere Wohltäter haben jahrelang beharrlich gebetet und großzügig geopfert, um die Auferstehung seiner zum Tode verurteilten Kirche vorzubereiten. Nie habe ich gedacht, diesen Tag erleben zu dürfen. Es ist einer der schönsten Tage meines Lebens!

In der Ostkirche wird heute die erste Vesper vom Palmsonntag gesungen. Froher und glorreicher als in der lateinischen Liturgie wird im byzantinischen Ritus der Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert. Kardinal Myroslav Lubachivsky wird – wie einst Jesus in Jerusalem – mit Weidenzweigen und Hosannas empfangen.

Nachdem er, von Rührung überwältigt, die mit Märtyrerblut durchtränkte Erde seiner Heimat geküsst hat, fängt die lange Fahrt zur Stadtmitte an. Die dichtgedrängte Menge auf dem Dach des Flughafengebäudes singt: „Wir verlangen nach Gott, er ist unser Vater“. Die kilometerlange Strecke wird von Zehntausenden Menschen gesäumt. Sie schwenken Weidenzweige und blaugelbe ukrainische Fahnen.

Unsere Autokolonne fährt zur Sankt Georgskathedrale, die die Orthodoxen vor einigen Monaten den rechtmäßigen Besitzern zurückerstattet haben. Hier haben sich Tausende Menschen versammelt, die atemlos den Worten ihres Kardinals lauschen: „Heute kehren mit dem Vater und Haupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche Wahrheit und Gerechtigkeit, beruhend auf der Liebe und dem Evangelium Christi, in die Ukraine zurück. Heute bekennen wir öffentlich unseren heiligen katholischen Glauben: dass wir katholisch waren, sind und bleiben werden; und dass keine Macht der Welt diesen Glauben und diese christliche Liebe aus unseren Herzen reißen kann.“

Danach spricht der 84jährige Metropolit Volodymyr, der während der dunkelsten Jahre der Verfolgung, erst in Gefangenschaft, später im Verborgenen und seit zwei Jahren öffentlich, der Stellvertreter des verbannten Kardinals gewesen ist. Mit unbeugsamer Entschlossenheit hat er die Geheimbischöfe geweiht, die für die apostolische Sukzession seiner Kirche nötig waren. (...)

Der Mnohaja-lita-Gesang (Lang soll er leben) findet kein Ende. Er gilt erst dem Papst, dann dem Patriarchen, dann dem Metropoliten... und immer von neuem und immer gewaltiger braust der Sturm der Begeisterung um die Kathedrale, bis der Abend und die Nacht ihre schützende Hand über dieses so gute und tödlich bedrohte Volk ausstrecken.

In der von Gold und Glorie strahlenden Kathedrale nehme ich am nächsten Morgen an der Palmsonntagsliturgie teil, der Erde zwar entrückt durch den himmelstürmenden Gesang, aber dennoch mit ein bisschen Angst, dass die Mauern des Heiligtums unter dem Druck der zusammengepferchten Menge nachgeben könnten. Drei Stunden dauert die Feier von Jesu Einzug in Jerusalem. Die Rückkehr des Patriarchen in sein Vaterland macht sie aktueller denn je.

Die Palmweihe wird mit Eimern voller Weihwasser vollzogen, die unermüdliche Diakone vom Balkon der bischöflichen Residenz herabregnen lassen in den Strudel der sich im Kreis und mit hochgehobenen Weidenzweigen vorwärts schiebenden Gläubigen.

Nachmittags folgt die Kundgebung auf dem Opernplatz. Etwa zweihunderttausend Menschen sind dort zusammengeströmt. Mit unserer Generalsekretärin, Antonia Willemsen, gehöre ich zu den Ehrengästen. Festmusik und farbige Spruchbänder heißen den Patriarchen willkommen. Die Gebäude tragen das Gepräge der Habsburger Monarchie, und noch hängt ein Hauch österreichischen Charmes über dem Zentrum dieser Stadt, die einst die Hauptstadt Galiziens war. Als einer der letzten Sprecher ergreife ich das Wort in deutscher Sprache im Wechsel mit einem Dolmetscher. Aber den Schluss meiner Rede habe ich auf ukrainisch vorbereitet.

Ich begrüße den Kardinal und die unabsehbare Menge im Namen unserer Wohltäter: „Ihre Liebe hat euch nie verlassen. Ohne dass ihr es wusstet, haben sie euch auf eurem bitteren Kreuzweg begleitet, so wie Veronika und Simon von Cyrene es getan haben, als Jesus sein Kreuz nach Golgotha trug.(...) Hoffentlich ist die Zeit vorbei, dass ihr in Gefangenschaft und durch das Vergießen eures Blutes die Treue zu Christus beweisen musstet. Jetzt ist die Zeit gekommen, durch Nächstenliebe, Versöhnung und Einmütigkeit Zeugnis von ihm abzulegen.“ Um meinem Aufruf Nachdruck zu verleihen, gebe ich konkrete Beispiele: „Für beide Formen, euch zu Christus zu bekennen, habt ihr das strahlende Beispiel eures verstorbenen Patriarchen Josyf Slipyj. Ich habe ihn gekannt als einen Kirchenfürsten mit eisernem Charakter, als einen unerschrockenen Kämpfer für die Rechte eurer Kirche, als einen Jünger Christi, der einen Kreuzweg gehen musste, wie ihn kaum ein anderer Kardinal in dieser Zeit gegangen ist. Er ging ihn in vorbildlicher Treue, ohne Hass gegen seine Verfolger, aber auch ohne auszuweichen, wenn Kompromiss oder Flucht sein Leben erleichtern konnten. Aber andererseits war er auch eine Brücke zur Orthodoxie und ein Seelsorger, der in unzähligen Gefängnissen und Straflagern die Spuren seines Apostolates hinterlassen hat. So ist er weit über die Grenzen der Westukraine hinaus in der ganzen Sowjetunion ein strahlendes Symbol geworden, nicht nur für die zerstreuten Katholiken, sondern auch für die orthodoxe Kirche. Folgt ihm nach!“ (...)

Zum Schluß erzähle ich die Geschichte des Geschenkes, das ich mitgebracht habe: „Vor 35 Jahren, als Josyf Slipyj noch Zwangsarbeiter in Sibirien war, predigte ich in Deutschland. Nach der Predigt gab ein ehemaliger deutscher Soldat mir ein kostbares byzantinisches Kreuz aus dem 17. Jahrhundert, das er während des Krieges aus einer eurer brennenden Kirchen mitgenommen hatte. Ich versprach ihm, es euch zurückzubringen. Hier ist mein Geschenk!“ Und ich legte es in die Hände des zutiefst gerührten Kardinals mit den Worten: „Gott gebe, dass Sie als Patriarch Ihrer Kirche und Ihres Volkes, wie der hl. Apostel Andreas, vom Hügel zu Kiew mit diesem Kreuz das zweite Jahrtausend des Christentums in der ukrainischen Nation segnen mögen, Sie wissen, was unser Werk in der Vergangenheit für Ihre Kirche in der Emigration und in der Heimat getan hat. Im Namen unserer Wohltäter verspreche ich Ihnen, das sie das Menschenmögliche tun werden, um Ihnen, den Bischöfen, den Priestern und Ordensschwestern, den Seminaristen und dem ganzen gläubigen Volk bei der Neu-Evangelisierung der Ukraine zu helfen.“ Es war einer der schönsten Tage meines Lebens.