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Vietnamesische Weihnachtsgeschichte

Christnacht

Aber der Friede ist nicht gekommen. Der Vietkong hat die selbstangebotene Waffenruhe vierundachtzigmal gebrochen. In der Richtung von Bien Hoa, im Umkreis der westlichen Vorstädte Saigons und in den Sümpfen am Fluss entlang hämmern die kommunistischen Mörser mit dröhnenden Schlägen auf die vietnamesischen und amerikanischen Stellungen. Kurz darauf kriecht ein kleines Flugzeug eilig über dem pechschwarzen Dachboden der Nacht hin und her und sät Magnesiumsterne, die in blendendweißen Trauben am Firmament hängen bleiben. Plötzlich ist es helllichter Tag. Die Flieger erfüllen ihre Aufgabe. Aber der Gesang der Engel, die Gott verherrlichen und den Menschen Frieden verkündigen, wird in dieser Christnacht unter dem Himmel von Saigon vom Gebrüll der Flugzeugmotoren und der Kanonen übertönt.

Kein Engel erschien

Das Kind aber ist dennoch geboren. Nicht in Bethlehem, aber im Flüchtlingslager Nam Hai am Saigonfluss. Dort hockt in einem alten Lagerhaus die geflüchtete Bevölkerung eines ganzen Dorfes zusammen. Von den 251 Familien ist der vierte Teil vaterlos. Auch der Mann, dessen Maria in dieser Nacht ihr Kind geboren hat, war einer der sechzig vom Vietkong ermordeten Dorfhonoratioren. Das Nazareth dieser Menschen heißt Tri Tam und liegt 150 km von hier entfernt. Sie verließen ihr Dorf nicht für die Volkszählung des Kaisers Augustus, sondern weil die Kommunisten ihre Knaben und ihren Reis forderten und jeden töteten, der sich weigerte, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Kein Esel trug sie, wenn sie müde waren. Ihr Pfarrer trat an Josephs Stelle und geleitete sie auf ihrem Treck durch die unwirtlichen Wälder und durch die Flüsse, die sie durchschwammen. Zehn Pfarrkinder hat er unterwegs verloren. Sie sind verunglückt oder vom Elend umgekommen oder von Scharfschützen abgeknallt. Nach der Flucht fanden sie kein anderes Unterkommen als dieses ausrangierte Lagerhaus, dessen zusammengefallenes Dach weder gegen Sonne noch gegen Regen Schutz bietet. Und als sie dort waren, kam die Zeit, da Maria Thoi gebären sollte. Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Pappschachtel, weil für sie kein Platz in Saigon war.

Weihnachtsmorgen

Keine Hirten oder Könige sagten zueinander: Lasset uns nach Nam Hai hingehen und sehen, was geschehen ist. Nur weil ich, wie verabredet, bei den Flüchtlingen die Heilige Messe im Freien zelebrieren sollte, habe ich zufällig Maria Thoi und das neugeborene Kind, das in der Schachtel lag, gefunden. Die Nachbarn, die, je zwei Familien zusammen, die angrenzenden, von Bambusmatten abgeteilten Verschläge des Lagerraumes bewohnten, fertigten hilfsbereit eine Art Hängematte an, in die das wimmernde Kindlein gelegt wurde. Was konnte ich sonst tun, als behutsam das Kind wiegen und mein Geld in die Hände von Maria legen?