Wunder in Russland

Das erste Wunder begann Ende April, als wir den von einem Holländer bezahlten Radiosender für die erste Rundfunkanstalt der orthodoxen und katholischen Kirche in die Sowjetunion schickten. Weil das Kommunikationsministerium die Lizenz verweigerte, brachte unser orthodoxer Partner den Sender in einer Lagerhalle unter.

Dann kam der Putsch vom 19. August. Alle Radiosender waren in den Händen der Putschisten. In dem von Truppen umstellten „Weißen Haus“ tagte das russische Parlament. Nachdem Jelzin ohne Lautsprecher auf einem Panzer stehend versucht hatte, zum Volk zu reden, kehrte er ins Gebäude zurück und sagte: „Ich brauche unbedingt einen Sender“. Unser orthodoxer Freund, Mitglied des Parlamentes, flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe einen“. Ein Luftwaffenoffizier, Anhänger Jelzins, schickte einen LKW, der unseren Sender, unter Salat, Tomaten und anderen Lebensmitteln versteckt, ins Parlamentsgebäude schmuggelte.

Ingenieure installierten den Sender. Die Luftwaffe stellte eine Antenne zur Verfügung. Vier Stunden, nachdem Jelzin vom Panzer heruntergeklettert war, konnte er die Moskauer Bevölkerung zu Hilfe rufen. Dies war der entscheidende Augenblick, der zum Scheitern des Putsches führte. Der Ministerpräsident hat sich bei uns bedankt und erteilte sofort die Sendeerlaubnis. Der Sender steht noch heute im russischen Parlament und strahlt jeden Tag unser religiöses Radioprogramm aus.

Das zweite Wunder begann im Juli, als unser brasilianischer Mitarbeiter José Correa mit dem Chef des russischen Rundfunks verhandelte. Plötzlich fragte ihn dieser, warum er als Brasilianer sich mit Radioprogrammen in Russland befasse. Correa erklärte, dass er durch sein Interesse an Fatima und Russland unser Werk kennen gelernt habe und so beim Radio-Apostolat gelandet sei. Als der Russe mehr über Fatima wissen wollte, erzählte er ihm, was Maria 1917 über Russland offenbart hatte. Sichtlich gerührt erklärte der Funktionär, dass er zwar Atheist sei, dieses Thema aber für die „Gläubigen“ in Russland bestimmt interessant wäre, und deshalb schlage er vor, darüber eine Radio- oder Fernsehreportage zu machen. Auch die anschließende Besprechung mit dem Chef des staatlichen Fernsehens verlief erfolgreich. Die atheistischen Beamten schlugen vor, am 13. Oktober eine direkte Rundfunk- und Fernsehverbindung zwischen Moskau und Fatima herzustellen. Somit würde das russische Volk unmittelbar aus Portugal über die bis jetzt in der Sowjetunion totgeschwiegenen Ereignisse von Fatima informiert.

Mit Hilfe vieler Freunde und dank mehrerer kontemplativer Gemeinschaften, die sich wie eine betende Phalanx um Fatima geschart hatten, ist am 13. Oktober das von vielen für unmöglich Gehaltene geschehen: mit einem Schlag überzog die Fatima-Botschaft das gesamte Sowjet-Gebiet. Es war ein grandioser Triumph für Maria, als in Fatima 900.000 Arme im Geiste mit Kerzenlichtern, singend, betend und Taschentücher schwenkend um ihr Gnadenbild herum für die Bekehrung des materialistischen Westens und des unglücklichen Russlands eintraten. Erstmalig wurde keine Rücksicht auf die Diplomaten genommen, die immer verhindert hatten, dass das Wort „Russland“ in Fatima ausgesprochen wurde.

Unverhohlen erflehten der katholische Erzbischof von Moskau und der Bischof von Fatima in ihren Predigten und Fürbitten Mariens Schutz und Fürbitte für Russland. So wie ich es auch tat im Grußwort, das ich zu Ende der Sendung an unsere russischen Brüder richtete. Hundertfünfzig Fernseh- und 350 Rundfunksender in der russischen Republik haben das 75-Minuten Programm ausgestrahlt, das von fast allen Republiken der Sowjetföderation übernommen wurde. Abgesehen vom Studio in Moskau, wo 70 Schüler einer orthodoxen Sonntagsschule und viele Erwachsene das Programm verfolgten und Fragen stellten, erreichte die Sendung 30 bis 40 Millionen Menschen. Sie war für unzählige ein Signal Mariens, endlich die Gegensätze zu überwinden und durch Gebet, Bekehrung und Buße die Einheit aller Christen in ihrem Unbefleckten Herzen wiederherzustellen. Der Chor der orthodoxen Kathedrale hatte den Wunsch geäußert, der Feier in Fatima noch mehr Glanz zu verleihen. Da die Moskauer Behörden die Ausreisevisa nicht rechtzeitig ausstellten, wurde der russische Chorgesang ins Programm eingeblendet, als die Ikone der Gottesmutter von Kasan, die sich in Fatima befindet, auf dem Bildschirm erschien.