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Brief an Christus,
Herr Jesus Christus, vor vielen Jahren habe ich Dir einen Brief geschrieben. Da es mit dem Himmel keinen Postverkehr gibt, war ich gezwungen, ihn an Menschen zu schicken, in deren herzen Du wohnst. Ich danke Dir nochmals dafür, dass Du damals meinem Schreiben entsprochen hast. Und jetzt stehe ich von neuem an deiner Tür und klopfe an. Zu allen Fenstern Deines Hauses rufe ich hinauf und bitte. Denn Du hast mich von neuem in Verlegenheit gebracht durch Dein Wort: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt Ihr mir getan.“ Ich habe Dich beim Wort genommen. Bittet mich jemand in Deinem Namen, so wage ich es nicht, ihn ohne Hilfe wegzuschicken. Denn ich denke mir immer, Du selbst stehst vor mir und klagst Dein Leid, und Du selbst schreibst die Briefe, in denen an meine Hilfe appelliert wird. Darum sage ich ja, jedes Mal, wenn Du zu mir kommst, um für Dich selbst zu bitten. Jahrzehntelang ist alles gut gegangen. Nie hast Du mein vertrauen enttäuscht. Immer wieder hast Du die Herzen von Freunden und Wohltätern bewegt, so dass meine Hände gefüllt wurden, um alles auszuteilen, was ich um Deinetwillen in Osteuropa, Asien, Afrika und Lateinamerika zugesagt habe. Ja, Herr, obwohl ich das Gelübde der Armut abgelegt und auf jeglichen Besitz verzichtet habe, hast Du mir die Freude gegeben, mehr als neunzig Millionen Dollar unter die Armen, in denen Du leidest, verteilen zu können. Aber jetzt bist Du zu anspruchsvoll gewesen. Allzu eindringlich hast Du mich mit Deinem Notschrei verfolgt. Jetzt hast Du mich mehr versprechen lassen, als ich vollbringen kann. denn die schwere Krise, die die Kirche heimsucht, hat auch in die Reihen meiner Freunde Verwirrung und Untreue gebracht. Wohltäter, die mir früher geholfen haben, haben sich von mir abgewandt, Andere sind müde, immer wieder an die Not der Verfolgten erinnert zu werden. Viele haben ihr Herz an die Güter dieser Welt gehängt und sind in der Liebe erkaltet. (...) Du hast das alles gewusst, als Du so maßlos bei mir gebettelt hast. Aber ich habe es nicht gewusst. Und ich habe alle Deine Bitten gewährt, ohne mit den Missgeschicken zu rechnen, die mich jetzt dazu zwingen werden, die Beihilfen drastisch einzuschränken, wenn du keinen Ausweg findest. Du weißt doch, Herr, dass ich ein schwacher Mensch bin. Du weißt, wie oft die Sorge mich nachts nicht schlafen lässt, wenn ich fieberhaft Mittel suche, um die Not, die Du mir anvertraust, zu lindern. Du weißt, dass ich bis zur Erschöpfung für Dich geschuftet habe und jetzt keinen Rat mehr weiß. Prüfe selbst die Buchhaltung von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ und die lange Liste der Versprechen, die ich nicht erfüllen kann. Errechne selber, um wie viele Millionen Du mich überfordert hast und mit wie viel Millionen ich mein vertrauen zu Dir übertrieben habe. Und sag mir, was ich machen soll. Du hast mich in den letzten Jahren um etwa 2,5 Mio. Dollar für die Flüchtlingsseelsorge gebeten. Welche Seelsorger soll ich enttäuschen? Wenn ich die Hilfe für die Äthiopischen, vietnamesischen und tschechischen Flüchtlinge streiche, kann ich 360.000 Dollar einsparen. Willst Du das? (...) Weißt Du noch, Herr, wie hilfsbedürftig Du mir begegnet bist in Schwester Rosemarie, in den Flüchtlingen, für die es keinen Platz in der Herberge gibt, in so vielen Schmerzenmüttern, in Annie Wong, in den bronzefarbenen Mädchen von Bombay, in dem rauen Pförtner von Rotchina und in dem kleinen Wu, im Schweinepater von Cheju, in dem aussätzigen Mädchen, das Kostbare Perle heißt, in Benito Sakay, der Dein weinendes Antlitz auf seinem Bauch tätowiert hat, in Pater Lagerwey, der in Manila schwer krank liegt und in Maria Thoi, die zu Weihnachten ihr Kind im Flüchtlingslager Nam Hai geboren hat? Ist es nicht mehr nötig, dass ihnen allen von mir geholfen wird? Wem soll ich meine Hilfe verweigern?
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